Hochbegabung erkennen und fördern

Hochbegabung wird meist definiert als ein messbarer Intelligenzquotient von mindestens 130, ist jedoch viel mehr als nur ein ausgeprägtes intellektuelles Talent. Hochbegabung geht oft einher mit einem allgemein höheren Energieniveau und Leistungspotential, einer intensiveren sensorischen Wahrnehmung, einer komplexeren Gefühlswelt und einem stärkeren moralischen Empfinden. Ein hochbegabtes Kind ist nicht einfach ein Kind mit besonderen Talenten oder kognitiven Fähigkeiten, die man fördern kann. Sein intellektuelles Potenzial wirkt sich auf alle Lebensbereiche, deren Wahrnehmung, Erleben und Verarbeitung aus, sodass dies untrennbar mit seiner Persönlichkeit verbunden ist.

Die besonderen Talente und Fähigkeiten Hochbegabter führen nicht zwangsläufig zu entsprechenden schulischen oder akademischen Leistungen oder beruflichem Erfolg. Für ein hochbegabtes Kind mit großem Freiheitsdrang und dem Wunsch nach Eigenständigkeit beim Lernen kann der Übergang in die Schule eine besonders große Anpassungsleistung darstellen. Häufige Wiederholungen, die passive Aufnahme vorgedachter Inhalte und geistiger Leerlauf können sich negativ auf Lernfreude und Motivation auswirken. In ihrer schulischen und beruflichen Laufbahn haben Hochbegabte häufig das Gefühl unter ihren Möglichkeiten zu bleiben, und sind unzufrieden in konventionellen Strukturen oder Berufen trotz äußeren Erfolges. Je schwieriger und komplexer eine Aufgabenstellung, desto leichter fällt es ihnen, sie zu lösen. Je selbständiger und freier gearbeitet werden darf, umso effektiver und motivierter sind sie. Dauerhafte Unterforderung kann zu Auffälligkeiten im Verhalten führen. Werden die innere Unzufriedenheit und Enttäuschung und das Gefühl seelischer Überforderung mit der eigenen Situation nach außen gerichtet, kann sich dies als Aggressivität, Klassenclownverhalten oder Regression in kindliche Verhaltensweisen zeigen. Nach innen gerichtet können Reizbarkeit und Unausgeglichenheit, innere Unruhe, Ängste und Depression, Schlafstörungen oder andere somatische Symptome die Folge sein.

Hochbegabte sind oft sehr empathisch, sensibel und sozial orientiert, bekommen jedoch durch ihre Direktheit und Eigenwilligkeit, ihren Freiheitsdrang und Forschergeist, ihre Genauigkeit und Diskutierfreude nicht selten negative Rückmeldungen trotz guter Absichten. Auf psychischer Ebene haben sie dieselben kindlichen Bedürfnisse wie Gleichaltrige. Nicht selten passiert es Eltern oder Lehrern unabsichtlich, dass sie eine emotionale Reife oder seelische Belastbarkeit erwarten, die normalerweise bei einem entsprechenden intellektuellen Niveau passend wäre.

Neben Versagensängsten ist der Wunsch nach Zugehörigkeit zur Gleichaltrigengruppe bei hochbegabten Kindern und Jugendlichen ein wichtiger Grund für Underachievement, also dem Erbringen von Leistungen unterhalb der eigentlichen Fähigkeiten. Viele Hochbegabte verstecken ihre Fähigkeiten bis ins Erwachsenenalter, um als „normal“ akzeptiert zu werden, oder um andere nicht vor den Kopf zu stoßen, und haben manchmal aufgrund unguter zwischenmenschlicher Erfahrungen bis hin zu Mobbing Schwierigkeiten, sich offen zu ihrer Hochbegabung zu bekennen.

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